Arbeiten mit einem Zettelkasten

Wie im letzten Beitrag schon beschrieben wurde, bin ich in Bezug auf das persönliche Wissensmanagement ein starker Befürworter des Zettelkastensystems von Niklas Luhmann. Im aktuellen Beitrag möchte ich zuerst mit zwei weit verbreiteten Missverständnissen über den Gebrauch von Zettelkästen aufräumen, bevor ich näher auf meine Erfahrungen mit einem Zettelkasten eingehe.

Das erste Missverständnis über den Zettelkastengebrauch ist die Annahme, dass es darum ginge, bedeutende Zitate und deren Herkunft zu sammeln. Das zweite Missverständnis ist die Annahme, dass sich mit einem Zettelkasten Bücher wie von selbst schreiben würden. Beide Fehlinterpretationen in Verbindung, also die Vorstellung, dass man nur genügend schlaue Textbausteine sammeln müsse, um sie dann spielend leicht in einer logischen Ordnung zusammenzufügen, führen dann zu diesen grässlichen Büchern, in denen eine Fußnote nach der anderen ein endlos langes Literaturverzeichnis generiert, ohne dass etwas entscheidend Neues gesagt würde. Leider gibt es noch immer genügend Leute, die sich von einer Auflistung großer Namen beeindrucken lassen und glauben, dass Autoren solcher Bücher wirklich belesen seien und etwas Wichtiges zu sagen haben müssten. Den beiden obigen Annahmen möchte ich meine Interpretation über den Sinn von Zettelkästen entgegenhalten.

Ein Zettelkasten ist kein „Zitate-Archiv“, sondern vielmehr ein stetig wachsendes Gedächtnis eigener Gedanken. Dabei sind Gedanken als Sinnrelationen zwischen verschiedenen Informationen zu verstehen (was ja auch die gängige Differenzierung zwischen Information und Wissen im Wissensmanagement ist). Gerade deshalb beschreibt Luhmann seinen Zettelkasten auch als einen guten Freund, mit dem er sich unterhalten kann (Luhmann, 1993). Dieser Freund kennt einerseits sein Gegenüber in- und auswendig (er besteht ja aus den Gedanken seines Gegenübers, denkt und spricht also in dessen, durch Erfahrungen konstituierten System), bietet andererseits aber auch immer neue Sinnrelationen (also Gedanken) an, weshalb es ja erst zu einer Unterhaltung kommen kann. In der Auseinandersetzung mit einem Zettelkasten gibt es meiner Meinung nach drei Phasen, die unterschieden werden sollten, auch wenn die Übergänge oft fließend sind: Eingabe, Pflege und Unterhaltung.

Während der Eingabe wird der Zettelkasten mit Gedanken gefüllt. Dazu werden diese auf Zettel geschrieben und mit Schlagworten versehen. Bezieht man sich in seinen Gedanken auf eine Textstelle (und hält evtl. auch ein geeignetes Zitat fest), so ist es sinnvoll, noch zusätzlich die entsprechende Literaturangabe zu notieren. Gerade für die spätere Ausarbeitung von akademischen Texten ist es unerlässlich zu wissen, auf welche Quellen man seine Gedanken stützt. Trotzdem muss ich nochmal betonen: Es geht darum, den Zettelkasten mit seinen eigenen Gedanken zu füllen. Deshalb sollten vorzugsweise nur Exzerpte (also Gedanken eines anderen Autors in eigenen Worten) auf Zettel geschrieben und nur in seltenen Fällen Zitate verwendet werden. Was ist der Grund dafür? Wie zuvor schon angedeutet, ist eine der größten Leistungen eines guten Zettelkastens, dass er die Sprache des eigenen Denksystems spricht. Dadurch wird er zu einem Spiegelbild (bzw. einer Auslagerung) des eigenen Gedächtnisses. Meiner Meinung nach ist nur auf diese Weise Wissensmanagement statt Informationsmanagement möglich (weshalb ich auch jegliche Form des kollaborierten Wissensmanagements sehr zweifelhaft sehe).

Die wohl verblüffendste Eigenschaft des Zettelkastens ist nun, dass er selbstständig eine Struktur der Sinnzusammenhänge herausbildet, indem jeder Zettel mit Schlagworten versehen ist. So gesehen ist die Wahl der richtigen Schlagworte von entscheidender Bedeutung. Pro Zettel sollte man drei bis fünf Schlagworte finden, die möglichst Präzise den Inhalt des Zettels auf den Punkt bringen. Wie wichtig diese Wahl ist, bringt folgendes Zitat zum Ausdruck: “Jede Notiz ist nur ein Element, das seine Qualität erst aus dem Netz der Verweisungen und Rückverweisungen im System erhält.” (Luhmann, 1993 S.58)

Für die Schlagworte sollten im besten Fall Substantive in der Einzahl gewählt werden, die einerseits möglichst präzise, andererseits noch anschlussfähig genug sind, um den Zettel in einen Gesamtkontext einzuordnen. Besser als das Schlagwort Philosophie ist z.B. das Schlagwort Erkenntnistheorie und noch besser wäre Rationalismus, sofern auf dem Zettel dieses Thema behandelt wird. Da pro Zettel mehrere Schlagwörter vergeben werden, wird der Inhalt eines Zettels in mehreren Dimensionen anknüpfungsfähig gemacht, wodurch auch eine gewisse Abstufung in der Anschlussfähigkeit möglich ist. So nutze ich manchmal gewisse ‚Überkategorien‘, um den Sinnzusammenhang besser zu erfassen. Dies sind beispielsweise ‚21. Jahrhundert‘, ‚Naturwissenschaft‘, ‚Geisteswissenschaft‘ und ähnliche. Diese Schlagworte für sich genommen sind natürlich viel zu allgemein, machen aber eine erste grobe Einordnung (sofern sich dies nicht aus den anderen Schlagworten ergibt) möglich. Wenn es z. B. um das Thema Toleranz geht, sind solche groben Differenzierungen sinnvoll. Geht es um Social Media, ist es überflüssig zu vermerken, dass es sich um eine Entwicklung des 21. Jahrhunderts handelt (außer man will, dass dieser Begriff mit allen Zetteln zum Thema ‚21. Jahrhundert‘ verknüpft wird, was jedoch eine extrem weite Anschlussfähigkeit darstellen würde). Ein weiteres Beispiel: Wenn es um das Münchhausen-Trilemma geht, würden sich neben ‚Rationalismus‘ auch Schlagworte wie ‚Begründung‘, ‚Wahrheit‘ und ‚Dilemma‘ anbieten. Das letzte Schlagwort zeigt, dass man oft flexibel sein muss. Es ist Unsinn das Schlagwort ‚Trilemma‘ zu vergeben, wenn der Begriff fast ausschließlich für einen Sinnzusammenhang steht. Das Schlagwort wäre erstens kaum bis gar nicht anschlussfähig und zweitens könnte man den Zettel auch über die Suchfunktion auffinden, wenn man genau diesen Begriff im Kopf hat.

Der zweite Schritt der Eingabe ist nun das Einsortieren in den Zettelkasten. Auch wenn die Reihenfolge der Zettel lange nicht so wichtig ist, wie das Auffinden passender Schlagworte, kann es für die spätere Arbeit doch von großer Hilfe sein, wenn Zettel zu einem gleichen Thema hintereinander angeordnet sind. Luhmann hat solche Folgezettel durch das Hinzufügen einer weiteren Indexebene in der Zettelnummerierung deutlich gemacht. So könnte der Zettel Erkenntnistheorie z.B. die Laufnummer ‚198b4‘ gehabt haben und der Zettel Rationalismus dann die Laufnummer ‚198b4a‘. Solche Feinheiten spielen in digitalen Zettelkästen aber eine eher untergeordnete Rolle, da sich die Hierarchie visuell darstellen lässt. (zumindest ist das im digitalen Zettelkasten von Daniel Lüdecke sehr schön gelöst)

Die zweite Phase in der Arbeit mit einem Zettelkasten lautet Pflege und ist mit zunehmender Zettelanzahl nötig. So sollte immer mal wieder die Liste der Schlagworte durchgegangen und geprüft werden, ob sich evtl. Dopplungen durch die Verwendung von Singular und Plural oder Synonymen eingeschlichen haben.

Die letzte Phase ist nun die eigentlich spannende. Leider gehört viel Durchhaltevermögen dazu, bis sich der Effekt der ‚Unterhaltung‘ einstellen kann. Je nachdem wie breit das Themenspektrum der Zettel ist, sind dazu mehrere hundert bis tausend Zettel nötig. Ist dies aber erst mal erreicht sorgt der Zettelkasten in doppelter Hinsicht für Verblüffung: Erstens werden neue Sinnzusammenhänge aufgezeigt, die vorher so nicht beabsichtigt worden waren und zweitens ist es erstaunlich zu sehen, welche Gedanken man selber mal formuliert, aber schon längst wieder vergessen hat. Dazu ein kurzes Beispiel: Das zufällige Aufschlagen eines Zettels bietet Gedanken zum Thema „Resignation am Individualismus“ an. „Sich über all die Dinge definierend, die er nicht ist, ist das Individuum über kurz oder lang zur Resignation verdammt.“ steht dort mit einem Verweis auf das Konzept der „Ich-Jagd“ von Peter Gross, sowie einem Querverweis zur „Last der Zivilisation“ von Karl Popper. Das Schlagwort ‚Individualisierung‘ führt zu Themen der Unternehmensorganisation (Je mehr Regeln geschaffen werden, umso mehr wird der Leistungsprozess und seine Steuerung “entindividualisiert”) und der Beziehungspsychologie (Beziehung auf Distanz: Lieber nicht zusammenziehen. Früher war klar: Man heiratete, zog zusammen und bekam Kinder. Heute entscheiden sich immer mehr Liebespaare dafür, getrennt zu leben. Und genießen Freiraum und Autonomie. “Living Apart Together (LAT)” heißt das Lebensmodell, das besonders in den Städten immer beliebter wird. ). Das Schlagwort ‚Resignation‘ führt zum Thema des Statusfatalismus’ (das vermeintliche Unvermögen, von einer sozialen Schicht in eine höhere Schicht zu gelangen.) Allein durch eine Hand voll Verweise eines Zettels bietet sich mit einem Schlag eine Fülle von Kombinationsmöglichkeiten, die so vorher nie intendiert waren. So könnte der Begriff Statusfatalismus mit Poppers Last der Zivilisation bzw. Gross‘ Ich-Jagd verglichen werden. Auch drängt sich die Frage auf, ob Individualismus eher bei Leuten mit hohen Zielen für den eigenen sozialen Aufstieg vorkommt und zum Problem wird oder umgekehrt. Könnte ein streng durchregulierter Arbeitsalltag vor einer Ich-Jagd schützen? Oder beschleunigt eine solche Entfremdung von der Arbeit  die verzweifelte Suche nach Sinn noch mehr? All diese Gedanken können nun geordnet und reflektiert werden. Sollten sich neue handfestere Erkenntnisse einstellen, können Querverweise zwischen Zetteln gesetzt, Inhalte ergänzt oder weitere Zettel erstellt und einsortiert werden.

Abschließend komme ich nun auf die Ausgangsfrage meines letzten Blog-Eintrags zurück: lohnt sich das Ganze überhaupt? Ich denke es ist klar geworden, dass ein Zettelkasten einerseits wahnsinnig viel Arbeit bedeutet, nach einiger Zeit andererseits aber auch faszinierende Eigenschaften aufweist. Unter beruflichen Aspekten lohnt sich ein Zettelkasten wohl eher für all diejenigen, die eine akademische, journalistische oder wissenschaftliche Laufbahn einschlagen wollen oder schon eingeschlagen haben. Für private Zwecke ist ein Zettelkasten wahrscheinlich nichts weiter als ein spannendes Selbstexperiment, das die eigenen Gedanken konserviert und immer wieder zum Nachdenken herausfordert. Inwiefern dies den Aufwand rechtfertigt, muss jeder für sich selbst entscheiden.

 

Zusammenfassung:

  • Ein Zettelkasten ist kein Zitate-Archiv (Sammlung von Informationen), sondern ein wachsendes Gedächtnis eigener Gedanken (Sammlung von Wissen).
  • Bücher schreiben sich nicht von selbst – das Erstellen eines Zettelkastens ist harte Arbeit.
  • In der Arbeit mit einem Zettelkasten lassen sich die Phasen Eingabe, Pflege und Unterhaltung voneinander abgrenzen.
  • Beruflich wird sich die Arbeit wohl nur für die Wenigsten lohnen und ist für alle Anderen mehr als ein spannendes Selbstexperiment anzusehen.

 

Luhmann, Niklas, 1993: Kommunikation mit Zettelkästen. Ein Erfahrungsbericht. In: Kieserling, Andras (Hrsg.), Universität als Milieu, Seite 53-61. Haux, Bielefeld.

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3 thoughts on “Arbeiten mit einem Zettelkasten

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  3. Oliver Arend

    Ich grabe hier zwar einen recht alten Post wieder aus, aber das sind eben die (Un-?) Tiefen des Internets, auf die man stößt wenn man sich mit Wissensmanagement beschäftigt und von Evernote über den Zettelkasten auf Theorien und Diskussionen über Luhmanns Arbeitsweise kommt.

    Erstens werden neue Sinnzusammenhänge aufgezeigt, die vorher so nicht beabsichtigt worden waren […]

    Dieser Effekt der “Unterhaltung” mit dem Zettelkasten wird häufig genannt; mir bleibt aber selbst bei dem oben ausgeführten Beispiel unklar, wie diese neuen Sinnzusammenhänge zustandekommen und wie sie sich manifestieren. Kann mich da jemand erleuchten?

    Als Ingenieur suche ich selbst noch nach geeigneten Methoden, Wissen zu sammeln, zu verwalten, aber gleichzeitig auch lebendig zu halten.

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