Wann wird das Internet endlich zum Lifestream?

Mit diesem Blogeintrag möchte ich auf den Zeitungsartikel „Die Zukunft des Internet“ in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 28.02.2010 Bezug nehmen. (der einen Tag später in ähnlicher Form auf FAZ.NET erschienen ist). In diesem machte David Gelernter diverse Voraussagen und Vermutungen darüber, wie sich das Internet in den nächsten Jahren verändern wird. Ein knappes Jahr später bin ich überrascht darüber, wie stark die prophezeiten Tendenzen an Aktualität gewonnen haben und möchte speziell auf seine These des Lifestreamings eingehen. Meiner Meinung nach ist dieses Thema elementar wichtig, um Chancen und Risiken zukünftiger Kommunikationswege zu erkennen, was vor allem für das Strategic Communication Management in Unternehmen von hoher Bedeutung ist.

Im besagten Beitrag nennt Gelernter diverse Entwicklungen, die zum damaligen Zeitpunkt als mehr oder weniger offensichtlich angesehen werden können, jedoch sehr inspirierend miteinander verknüpft wurden. So zum Beispiel die These, dass Dateien und Daten immer mehr von Desktops in die Cloud abwandern, dass sich Webpages immer mehr von ihrem recht starren Erscheinungsbild wegbewegen und sich in ihrer Präsentation der Inhalte immer mehr an den Nutzer anpassen und dass Universitäten als ortsgebundene Bildungsstätte fast weitgehend verschwinden.
Meiner Meinung jedoch war seine Einschätzung über den zukünftigen Umgang mit den vielen, immer unübersichtlicher werdenden Informationsströmen am interessantesten. Gelernter macht diesbezüglich sehr gut deutlich, welche Rückkopplung diese Ströme auf unsere Sicht der Welt schon jetzt haben. Anstatt wie früher etwas in einem Buch zu lesen und anzunehmen, etwas über die Welt gelernt zu haben, betrachten wir Informationen immer mehr als eine augenblickliche Angabe eines Weltzustands – kurz: wir leben immer mehr in einer „Jetzigkeit“. Was das bedeutet, lässt sich an vielen Effekten ersehen: Es ist nicht mehr so wichtig, wo die Freunde herkommen oder hingehen, vielmehr will man wissen wo sie sich in diesem Moment aufhalten und was sie dort tun. Es ist gut zu wissen, dass ein neues Produkt das persönliche Leben verbessern wird, doch kann dies am nächsten Tag schon wieder total überholt sein. Fehltritte von Politikern, Unternehmen und Stars lassen jegliche Reputation sofort vergessen, doch auch das ist nicht so wichtig, da das Interesse ständig auf neue „Skandale“ gezogen wird. Gelernter schreibt: „Der Effekt der Jetzigkeit gleicht dem der Lichtverschmutzung in Großstädten, die es unmöglich macht, die Sterne zu sehen. Eine Flut von Informationen über die Gegenwart schließt die Vergangenheit aus.“ In dem Verlangen dieser vielen Neuigkeiten (bzw. Jetzigkeiten) Herr zu werden, sieht Gelernter die Zukunft des Internet in einer neuen Form des „Lifestreamings“ – einer Applikation die es möglich macht, so gut wie alle Informationsströme des Internet nach Belieben zu kombinieren, auszublenden und intuitiv auf wichtiges zu reduzieren. Wenn wir wollen könnten wir uns die Ströme auf dem Weg zur Arbeit vorlesen lassen, einzelne Dinge markieren und den stetigen Strom der Jetzigkeit langsamer oder schneller ablaufen lassen.
Betrachtet man Twitter, Facebook und RSS Feeds, so ist dieser Zustand schon heute fast erreicht. Immer mehr Applikationen versuchen einen Weg anzubieten, der das Zusammenführen der verschiedenen Informationsströme erlaubt. Diese so genannten Social Network-Aggregatoren (wie z.B. yoono.com, hootsuite.com, ping.fm) erfahren zwar momentan einen gewissen Boom, sind bisher aber noch weit von Gelernters Vision eines intuitiv zu bedienenden „Informationskanals“ entfernt, durch den dann beliebige Ströme fluten und sich spielerisch anordnen lassen. Neben einer eher unbefriedigenden Nutzeroberfläche stellt vor allem die kaum vorhandene Interoperabilität eine Herausforderung dar. Bisher lässt sich kein Programm finden, dass auf alle Ströme im gleichen Maße Zugriff hat. Der Grund dafür ist klar: Im Prinzip handelt es sich bei den Strömen um das wichtigste Kapital der verschiedenen Informationsplattformen, die immer auch an einer gewissen Kundenbindung interessiert sind und von einem einzigen Lifestream nicht wirklich begeistert sein dürften, sobald er nicht vom eigenen Unternehmen angeboten wird.
Eine gute Annäherung an Gelernters Lifestreaming Konzept, zumindest unter grafischen Gesichtspunkten, stellt die kürzlich von (wie könnte es anders sein) Google gestartete RSS-Feed Reader Erweiterung dar: Reader Play
Ein endloser Strom, dessen Beiträge optisch schnell zu verarbeiten sind und nicht mehr angezeigt werden, sobald man sie sich angeschaut hat. Gerade dieser Umstand ist sehr geschickt von Google eingefädelt: Der User wird einerseits nicht mit zu vielen, sich ständig weiter aufhäufenden Informationen belastet und muss andererseits anklicken was ihm gefällt, will er den Beitrag später jemals wieder finden. Dadurch lernt Google viel über die Interessen des Reader Play Nutzers, kann dadurch Werbeanzeigen zielgenauer einsteuern (vielleicht sogar als vermeintliche „News“ im Reader selbst) und somit mit Konkurrenten wie Facebook mithalten.
Denkt man das Reader Play Konzept weiter und kombiniert es mit dem zuvor beschriebenen Aggregationsgedanken, so müsste man nur noch verschiede Klassen von Streams auswählen können. Diese könnten z.B. durch eine farbliche Umrandung der Beiträge ersichtlich werden und per Drag & Drop von einem Dashboard eingefügt oder wieder darauf abgelegt werden. Facebook-, Twitter-, RSS-Streams würden sich nach Belieben wie ein Reisverschluss ineinander fügen. Eine weitere Einstellungsmöglichkeit könnte eine LBS Option sein. Also die Möglichkeit zu entscheiden, ob man sich nur ortsbasierende Informationen anzeigen lassen will und wie groß der Radius sein soll, aus dem diese kommen sollen.
Bei all den Vorteilen dieser neuen Useability weist Gelernte aber auch auf einen großen Nachteil hin: „Je größer das Angebot an Informationen ist, desto pingeliger entscheiden wir uns mitunter für genau das, was uns zusagt, und ignorieren alles andere.“ „Das Internet, wie es heute ist, ist im Grunde genommen eine Maschine zur Verstärkung unserer Vorurteile.“ Aus diesem Grunde sei es wichtig, die zahlreichen Suchalgorithmen, auf die unsere Internetnutzung im Wesentlichen fußt, um eine gewisse Zufallskomponente zu erweitern (was auch im Zusammenhang mit dem Thema Wissensmanagement und Social Bookmarking eine bedeutende Rolle spielt). Gelernter bringt die Herausforderung meiner Meinung nach am Ende seines Artikels sehr schön auf den Punkt:

„In unserem strikt materialistischen, trocken rationalen und allem Spirituellen feindlichen Zeitalter brauchen wir Unterstützung, um gelegentlich die Rationalität zu überwinden und unseren Gedanken zu ermöglichen, umherzuschweifen und sich zu verwandeln, wie sie es auch im Schlaf tun. Das rationale, wissenschaftliche Denken ist gesund; wollten wir aber ausschließlich von ihm zehren, wäre das fatal.“

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