Religion und Social Media

Im Zusammenhang mit den Seminaren „Media Anthropology” und “Management of Diversity“ sollten die Teilnehmer eine empirisch orientierte Hausarbeit schreiben. Als Schnittmenge des Themenspektrums wollte ich die “Kommunikation von Glaubensgemeinschaften im Internet” anhand eines Fallbeispiels untersuchen. Dazu bot sich die Facebook Gruppe JesusHouse an, die über das gleichnahmige, alle zwei Jahre statt findenden Event informiert. JesusHouse wird vom ProChrist e.V. organisiert und soll Teil einer “modernen Missionsarbeit” sein, welche speziell auf Jugendliche zugeschnitten ist. Bei meinen Recherchen stand mir freundlicherweise Norman Kronenwett für ein ausführliches Interview zur Verfügung. Herr Kronenwett arbeitet als Projektassistenz beim ProChrist e.V. und hat die online Kommunikationsmaßnahmen des Vereins im Allgemeinen und der Veranstaltung Jesus House im Speziellen über die letzten Jahre mitbetreut.

Herr Kronenwett, ist Social Media eher eine Chance oder eher eine Gefahr für Religionen?

Das ist schwierig abzuschätzen. Für unseren Verein ProChrist war es wichtig, in den für die Jugendlichen relevanten Medien präsent zu sein, damit diese dann die Möglichkeit haben sich über uns zu informieren. Das ist ähnlich wie mit einer Party: Wenn man niemandem Bescheid sagt, braucht man sich auch nicht wundern, dass keiner kommt. Sicher gibt es bei Social Media auch gewisse Risiken, doch wenn man die junge Zielgruppe erreichen will, führt praktisch kein Weg mehr daran vorbei.

Inwiefern ist es ein Unterschied eine religiös orientierte Facebook-Gruppe im Vergleich zu einer nicht-religiös orientierten Gruppe zu moderieren?

Im Prinzip habe ich da keinen Vergleich. Ich habe vor ungefähr 2 Jahren direkt mit der Betreuung der Facebookgruppe „JesusHouse“ angefangen. Dort habe ich mir die Moderation mit mehreren Kollegen geteilt, die später auch Inhalte in den unterschiedlichsten Formaten beigesteuert haben. Was in Bezug auf unsere Gruppe von Anfang an als eine klare Herausforderung angesehen werden kann, war Inhalte für praktisch zwei Zielgruppen anzubieten. Auf der einen Seite gab es da die Veranstalter der vielen, über ganz Deutschland verteilten Ortsgruppen und auf der anderen Seite gab es die Zielgruppe der Teilnehmer.

Hat das Internet das Potential zum Ort des Glaubens zu werden und spirituelle Erfahrungen zu ermöglichen?

Ich denke das Internet kann als ein guter Bonus angesehen werden, der nie Ersatz für das Leben in der Gemeinde sein wird. Um das zu verstehen und zu erkennen braucht es natürlich eine solide Basis. Erst wenn ich diese Basis durch die Aktivitäten einer Gemeinde und das Gefühl in dieser eingebettet zu sein vermittelt bekommen habe, werde ich die unterschiedlichsten Angebote im Internet richtig einschätzen können. Diese Probleme würde ich aber nicht nur in Bezug auf Religion und Glaubensfragen als relevant erachten. Menschen, die zum Beispiel nie die Erfahrung einer richtigen Freundschaft gemacht haben, werden wahrscheinlich auch die ein oder andere Onlinebekanntschaft in ihrer Bedeutung fehlinterpretieren.

Wenn man sich Auszüge aus Jesus House anschaut, so drängt sich einem eher der Gedanke an ein Rockkonzert auf. Inwiefern handelt es sich bei diesem Ereignis überhaupt um ein spirituelles Ereignis oder handelt es sich doch eher um reine Unterhaltung?

Diese Frage bekommen wir natürlich oft gestellt. Wir wollen in gewisser Weise beides sein: sowohl Gottesdienst, als auch eine Show die gut unterhält. Selbstverständlich ist es ein schwieriger Spagat. Auf der einen Seite gibt es die klare Botschaft. Auf der anderen Seite soll die Zielgruppe auch erreicht werden, weshalb sich die Frage stellt, wie man die Message am besten verpacken sollte. Man muss deshalb einen guten Kompromiss finden. Unser Ziel war es, ein attraktives Angebot für Jugendliche ohne religiösen Hintergrund anzubieten.

Die Veranstaltung hat zum Ziel, junge Leute dazu zu bewegen, sich mit christlichen Werten auseinander zu setzen. Unter anderem werden auch Worte wie Massenevangelisierung gebraucht. Inwiefern stehen sich da Missionierungsauftrag und kritischer Diskurs gegenseitig im Weg?

Im Prinzip geht es bei dieser Frage um Kommunikation mit vielen versus Einzelkommunikation. Uns ist letzteres sehr wichtig, weshalb wir für Jesus House auch folgendes Konzept entwickelt haben: Einerseits gibt es eine Hauptveranstaltung, die als Aufhänger dient. Andererseits gibt es viele kleinere Veranstaltungen vor Ort. In diesen Ortsgruppen soll sich ausdrücklich darum bemüht werden, auch tiefergehende Gespräche zu führen. Wir sagen immer „denkt vorher an nachher“. Es kann also nicht sein, dass man Leute bekehrt und sie dann wie einen nassen Sack fallen lässt. Vielmehr müssen wir weiterführende Angebote machen und die jungen Menschen bei ihren Fragen begleiten. Das ist uns ein sehr großes Anliegen.

Welchen Beitrag hat Social Media zu diesem Anliegen geleistet?

Nun ich sehe da vor allem vier wesentliche Punkte: Erstens bietet eine Facebook Gruppe die Möglichkeit der Identifikation. Indem junge Menschen der Gruppe beitreten bekennen Sie Farbe gegenüber ihren Freunden. Zweitens sind Social Networks, gerade in Bezug auf die jüngere Zielgruppe, ein wesentliches Mittel der Informationsweitergabe. Drittens können Interessierte in den Prozess der Planung und Veranstaltung einbezogen werden. All das sind Effekte die sich sicher auch sehr motivierend auf die Mitglieder auswirken. Viertens und letztens ist der Werbeeffekt den Social Media hat nicht zu verleugnen. Wenn die eigene Gruppe die Zahl der 1000 Mitglieder durchbrochen hat und rasant weiter wächst, dann sendet das natürlich auch ein starkes Signal nach außen. Auch wenn wir uns bei diesem Jesus House zum ersten Mal an Social Media gewagt haben und sicher manches hätten besser machen können, so war die Maßnahme doch ein voller Erfolg.

War es schwierig diese Maßnahme bei der Vereinsleitung durchzusetzen?

Am Anfang gab es Vorbehalte. Wir mussten dem einen oder anderen erst noch erklären, was es mit Facebook und Social Media auf sich hat. Nachdem unsere ersten Gehversuche aber von Erfolg gekrönt waren, waren alle Bedenken vom Tisch und wir wurden in der weiteren Arbeit gut unterstützt.

Die Inhalte der Facebook-Gruppe sind sehr stark auf die jüngere Zielgruppe zugeschnitten. Inwiefern läuft man damit nicht Gefahr, ein anderes Verständnis von Glauben zu erzeugen, als dies bei älteren Christen der Fall ist?

So hatte ich das noch nicht gesehen. Im Prinzip ist es klar, dass Inhalte auch immer zu einem gewissen Grad an die Zielgruppe angepasst werden können. So gibt es ja beispielsweise auch Bibelübersetzungen für Jugendliche. Bisher hatte ich in diesem Zusammenhang noch keine Probleme wahrgenommen. Manche älteren Nutzer verstehen vielleicht nicht alles, was da so auf der Pinnwand geschrieben wird, aber ich glaube, dass ist ihnen auch nicht so wichtig.

Wie sind die Erfahrungen mit den Ortsgruppen? Sind es eher jüngere, die sich über das Internet organisieren oder auch ältere?

Eigentlich ist es auch eher die jüngere Generation, welche die Veranstaltungen vor Ort organisiert. Also Veranstalter die über 50 sind, gibt es eigentlich kaum. Aber dies ist auch dem Veranstaltungsformat geschuldet. Im Rahmen von Aktivitäten des ProChrist e.V.s richten wir auch online Informationsveranstaltungen aus, an denen ältere Interessenten teil nehmen. Aus diesen Bereichen erfahre ich immer recht positive Rückmeldungen. Ich würde sagen, die Offenheit für das Medium Internet ist da, wenn man die Hürde durch unübersichtliche und komplizierte Angebote nicht zu hoch ansetzt.

Wird bewusst versucht, Kommunikation unter den Mitgliedern anzuregen?

Die Kommunikation wird eher eingeschränkt angeregt. Die Möglichkeit auf die Pinnwand der Gruppe zu posten gibt es beispielsweise erst seit ungefähr einem Monat. Uns ist es wichtig, die Mitglieder nicht alleine zu lassen. Für einzelne Fragen haben wir deshalb die Rubrik Dr. JesusHouse eingerichtet, auf der die unterschiedlichsten Fragen beantwortet werden.

Womit man aber weit hinter den Möglichkeiten von Social Media zurück bleibt.

Zugegebenermaßen sind wir diesbezüglich noch eher moderat aufgestellt. Allzu weitschweifende Diskussionen sollten lieber nicht aufkommen. Wir wollen nicht, dass sich die Mitglieder in langen, ausschweifenden Diskussionen verlieren. Unserer Meinung nach ist es viel sinnvoller, wenn solche Gespräche persönlich eins zu eins in den Ortsgruppen stattfinden. Aber man muss auch zugeben, dass dieses Jesus House unsere erste Annäherung an Social Media darstellt. Vielleicht können wir in dieser Richtung das nächste Mal weitreichendere Schritte gehen.

Gibt es strategische Ansätze, es Leuten die sich bisher kaum mit Gott auseinander gesetzt haben den Anschluss an die Gruppe zu erleichtern?

Dieser Prozess beginnt schon viel früher. Eigentlich ist ja schon die Art und Weise wie die Veranstaltung genannt wird und wie wir junge Leute ansprechen ein erster Abbau von Barrieren. Bei Infoveranstaltungen und Einladungsaktionen vor Ort gibt es dann alle möglichen Angebote wie Kicker und Sitzecken. Das ist wie bei einem Jugendtreff.

Also keine Online-Maßnahmen?

Nein. Meiner Meinung nach ist der Online-Kanal auch ungeeignet um Neulinge (ohne persönlichen Bezug zu einer Veranstaltung, z.B. über Freunde) anzusprechen und zu binden. Es gibt dort nicht die direkt erfahrbare Gemeinschaft, die den Einzelnen einbindet.

Wie wird mit unliebsamen Posts umgegangen?

In den letzten Monaten haben wir viele Anfragen per E-Mail erhalten. Manche davon waren auch eher kritisch, das ist normal. Solche Anliegen haben wir vertraulich beantwortet. Insofern man nicht von totalem Spam ausgehen musste, haben wir immer versucht auf die Kommentare zu antworten. Klar, wenn ein Eintrag zu grenzwertig gewesen wäre, müsste man diesen entfernen. Man muss bei dieser Angelegenheit ein gewisses Feingefühl entwickeln.

In den letzten Monaten war logischerweise jegliche Kommunikation auf die Veranstaltungsreihe ausgerichtet. Inwiefern ist es Ziel, in der Gruppe Diskussionen unabhängig von der regelmäßig stattfindenden Veranstaltung anzustoßen? Oder anders gefragt: Würde eine Jesus House – Facebook Gruppe auch ohne Jesus House Event funktionieren?

Ich denke eher nicht. Die Gruppe war sehr an das Event gebunden. Es gibt andere Plattformen im Internet, die aus sich selbst heraus funktionieren, wie z.B. jesus.de. Wir werden die Gruppe jetzt in den nächsten Monaten langsam auslaufen lassen, indem wir sie seltener mit Inhalten pflegen, und sie dann als Multiplikator für die nächste Veranstaltungsreihe nutzen.

Herr Kronenwett, ich danke Ihnen für das Gespräch.

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